24.01.2005 Begrüßungsrede
Von Dr. Niedergesäss anlässlich der Übergabe des Zertifikats für den erfolgreichen Abschluss des ersten Kurses der Zusatzqualifikation
Ich freue mich, dass wir heute zur Übergabe des Zertifikats für Euren erfolgreichen Abschluss , des ersten Kurses der Zusatzqualifikation zusammengekommen sind. Aus Trägersicht sind es - neben den wichtigen Grundkenntnissen in Heil- und psychoanalytischer Pädagogik - vor allem folgende Grundlagen für unsere Arbeit, deren Vermittlung uns besonders am Herzen liegt:
- ein Beziehungsverständnis - wie es von der psychoanalytischen Theorie beschrieben wird - , das beinhaltet, dass die von uns intendierte Entwicklung von Kindern nur möglich ist, wenn wir bereit und in der Lage sind, uns in der gemeinsamen Beziehung zu einem Kind mit diesem zu verändern;
- eng damit zusammen hängt die Sichtweise, dass die Schwierigkeiten von Kindern, von Eltern und von uns selbst mit der Behinderung eines Kindes in unserer Einrichtung umzugehen, auch und zumeist vor allem Ausdruck von Schwierigkeiten sind, die wir "Nichtbehinderten" haben, mit unseren eigenen "dunklen" Seiten umzugehen, die von "Behinderten" ungewollt gespiegelt werden;
- für eine weitere wesentliche Grundlage halten wir zum Dritten, dass für diese Selbst/-Veränderungsprozesse ein haltender Rahmen notwendig ist, der uns befähigt, schwierige Situationen mit Kindern, Eltern oder KollegInnen anzusprechen und das Verständnis davon für unsere Arbeit zu nutzen, das uns bei Zweifeln auffangen kann und Mut macht. Zu diesem Rahmen gehören die Beziehungen der KollegInnen untereinander, zum anderen die Strukturen, die der Träger zur Verfügung stellt.
Die - manchmal recht kontroverse - Auseinandersetzung über diese Grundlagen und darüber, was diese für Konsequenzen für den pädagogischen Alltag und für die Strukturen bei den Mainkrokodilen haben sollten, stellt den roten Faden in der pädagogischen Diskussion bei den Mainkrokodilen seit ihrer Gründung im Jahr 1983 als Teil der Kinderladenbewegung dar. Doch im Gegensatz zu heute, wo diese Einstellung für die meisten KollegInnen, die neu zu uns kommen, neu erworben werden muss, stellte sie in den Anfangsjahren für viele PädagogInnen, die in Kinderläden arbeiteten, eine eher selbstverständliche Einstellung dar, wie bewusst sie auch immer gewesen sein mag.
Für viele PädagogInnen, aber auch die Eltern, die ihre Kinder damals in Kinderläden betreuen ließen, war diese bestimmte Pädagogik für Kindern dort, Teil einer Praxis mit der sie ihr Leben, das ihrer Kinder und die Gesellschaft insgesamt sehr grundsätzlich verändern wollten. Und die Veränderung der Gesellschaft war in diesem Selbstverständnis nur möglich, wenn sich jeder Einzelne, der sich daran beteiligte, selbst radikal in Frage stellte und versuchte ein Stück "neues Leben" in der "alten Gesellschaft" zu verwirklichen, in Partnerbeziehungen, Wohngemeinschaften und alternativen Betrieben. Pädagogik war damit Teil eines politischen Lebens, Therapie-, also Selbstveränderungserfahrungen, waren zumeist selbstverständlicher Teil dieses Veränderungsprozesses auf der subjektiven Seite. Einher damit ging, dass es selbstverständlicher war als heute, Verantwortung für ein Ganzes zu übernehmen.
In diesen Veränderungsprozessen wurde jedoch die Wichtigkeit eines haltenden Rahmens oft nicht genügend Bedeutung beigemessen. Deshalb verliefen diese Prozesse oft schwierig oder endeten ohne das gewünschte Ergebnis. Die Veränderungen in unserer Einrichtung - zu denen ich auch die von Euch nun beendete Zusatzqualifikation zähle - waren der Versuch in den letzten 20 Jahren, diesen Rahmen für eine mit Selbstveränderungsprozessen verbundene Pädagogik zu schaffen und zu verbessern.
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